Von Signalwörtern zur Seelenschau – ein Lyrikprojekt zum Staunen
„Das Wichtigste, wenn ich Schreibworkshops gebe, ist nicht meine Expertise, das über Jahre gesammelte und produktiv gemachte Wissen darum, wie man ein Gedicht schreibt oder worauf man beim Komponieren einer Geschichte achten kann. Das Wichtigste und Schönste ist zu sehen, wie aus den Impulsen, die ich geben kann, wirklich etwas wird - und zwar etwas, das ich in dem Moment selbst nicht erwarten konnte.
So war es auch beim Workshop zur Liebeslyrik mit den Neunern des Carl Friedrich von Weizsäcker - Gymnasiums: Bereits beim Sammeln von Signalworten zum Oberthema standen viele sehr eigene Begriffe auf den Brainstorming-Listen. Klar, die Liebe ist ein sehr allgemeines Gefühl, aber für jede/n ist sie etwas Besonderes. Sie setzt sich aus widersprüchlichen einzelnen Emotionen zusammen, weshalb ich die jungen Kollegen/Kolleginnen (denn im Moment der Zusammenarbeit sind wir nicht Lehrer und Schüler, sondern poetisierende Kameraden) auf spannende, witzige, ungewöhnliche Gegensatzpaare hinwies, die sie in einem Aussagesatz versuchen sollten zu verbinden. Einigen fiel das sehr leicht, anderen musste ich vermitteln, dass es hier kein Richtig oder Falsch gibt, sondern nur inner-lyrische Stimmigkeit wichtig ist. Quatsch erfinden ist erlaubt, solang er durchgehalten wird.
Von der Hassliebe zum überteuerten Döner über die Beschreibung vorsichtiger Annäherungsversuche zweier Verliebter hin zum Markenfetisch kam später alles Mögliche in den Workshop-Texten vor. Großartige Metaphern (bspw. von einer Kurve, die sich so lang streckt, dass sie als Gerade empfunden wird), erotisches Ausprobieren (stets versuchen wir etwas erst in Worten, bevor wir es in die Tat umsetzen), aber auch sehr ernste und ernstzunehmende Seelenschau traten hervor. Dass alles, was während eines solchen Workshops - egal ob mit Erwachsenen oder Jugendlichen - entsteht, ernstzunehmen ist, habe ich versucht, auch in den halböffentlichen und öffentlichen Vorträgen, die folgten, zu zeigen. Dort las ich gleichberechtigt zu meinen eigenen Gedichten Liebeslyrik vor, die während der Zusammenarbeit mit den Neunern entstanden war und die nun dem anwesenden Publikum berechtigtes Staunen und zustimmendes Kopfnicken entlockte.“ Crauss
Carl Friedrich von Weizsäcker Gymnasium Ratingen
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