„Wir fördern Verständnis und Toleranz zwischen den Generationen.“

Das „Treffen der Generationen und Kulturen“ am Oswald-von-Nell-Breuning-Berufskolleg Coesfeld

Die einen blicken auf ein über achtzigjähriges Leben zurück, die anderen träumen von ihrer beruflichen Zukunft: Senior*innen aus verschiedenen Pflegeeinrichtungen treffen sich einmal in der Woche mit Schüler*innen des Oswald-von-Nell-Breuning-Berufskollegs. Zum Plätzchenbacken, auf eine Partie „Mensch-ärgere-dich-nicht oder einfach nur auf einen kleinen Kaffeeplausch. Unterschiede in Alter, Religion und Kultur sind hier kein Hindernis, sondern bereichern die Begegnungen. Das regelmäßige „Treffen der Generationen und Kulturen“ fördert die gegenseitige Toleranz und das Verständnis füreinander.

Von Events bis hin zu festen Patenschaften

Die Idee zu dem Projekt entstand bei einer Kaffeepause im Lehrerzimmer. 2006 hatte in unmittelbarer Nachbarschaft des Berufskollegs das neue Seniorenheim „Alte Weberei“ seine Pforten eröffnet. Der Leiter des Bildungsgangs „Gesundheit“ sah hier eine einmalige Chance für seine Schüler*innen, denn viele von ihnen liebäugeln nach der Berufsfachschule mit einer Ausbildung in der Altenpflege. Regelmäßige Kontakte mit den Senior*innen sollten den Schüler*innen einen Einblick in das Berufsfeld ermöglichen. Gleichzeitig sollte das gegenseitige Verständnis zwischen den Generationen gefördert werden.

Vom Geschäftsführer des Seniorenstifts wurde die Idee von Anfang mit großem Interesse aufgenommen. In enger Zusammenarbeit mit der Leiterin des sozialtherapeutischen Dienstes rief der Berufsschullehrer die ersten Aktionen ins Leben. Hierbei handelte es sich um einzelne, gelegentlich stattfindende Events. So trafen sich die Schüler*innen mit den Senior*innen beispielsweise zu gemeinsamen Koch- oder Bastelaktionen.

Durch einen Kooperationsvertrag wurde die Zusammenarbeit des Berufskollegs mit der Pflegeeinrichtung 2008 in feste Bahnen gelenkt. Auch das Konzept änderte sich: Die Schüler*innen besuchten die Senior*innen im Rahmen ihres Sozialpraktikums nun regelmäßig einmal pro Woche. Dabei übernahmen sie Aufgaben, für die im eng getakteten Pflegealltag oft kaum Zeit bleibt. Sie leisteten den Senior*innen beispielsweise bei den Mahlzeiten Gesellschaft und begleiteten sie auf Spaziergängen. Nach wie vor fanden zusätzliche Events wie Adventsfeiern und der Plausch bei Kaffee und Kuchen statt.

2010 wurde das „Patenschafts-Konzept“ ins Leben gerufen, das bis heute fortbesteht. Die Schüler*innen der damaligen Schwerpunktklasse „Pflege“ und die Senior*innen gehen dabei ein Jahr lang miteinander feste Patenschaften ein. Alle 14 Tage besuchen die Jugendlichen ihre Patinnen und Paten in den Einrichtungen und verbringen mit ihnen einen gemeinsamen Vormittag. Die Schüler*innen planen die Treffen und organisieren von Zeit zu Zeit kleine Ausflüge in die Umgebung. Die gemeinsamen Exkursionen – zum Beispiel in den Allwetterzoo in Münster oder zu einem Kreativ-Workshop in einer Kunstgalerie – sind immer absolute Highlights.

Im Laufe der Zeit ist das Projekt immer weiter gewachsen. Inzwischen pflegen Schüler*innen aus drei Klassen Patenschaften mit Senior*innen aus drei unterschiedlichen Pflegeeinrichtungen. Auch andere Bildungsgänge des Berufskollegs haben Kooperationen mit den Pflegeeinrichtungen ins Leben gerufen. Im Projekt „Lesen verbindet Generationen“ besuchen beispielsweise Schüler*innen der zweijährigen Berufsfachschule und des beruflichen Gymnasiums für Wirtschaft und Verwaltung regelmäßig als „Lesepaten“ das benachbarte Seniorenstift. Mit eigens ausgewählten Texten laden sie ihre Zuhörer*innen zum Nachdenken und Diskutieren ein.

Wurde das „Treffen der Generationen und Kulturen“ anfangs maßgeblich von einer Lehrkraft organisiert, basiert es inzwischen auf Teamarbeit. Von anderen Lehrkräften kommt große Unterstützung, ebenso wie von der Schulleitung.

Soziales und interkulturelles Lernen

Das „Treffen der Generationen und Kulturen“ ist bei allen sehr beliebt – den Schüler*innen ebenso wie den Senior*innen. Die Bewohner*innen der Pflegeeinrichtungen freuen sich über die neuen Kontakte und den frischen Wind, den die Jugendlichen in die Einrichtungen tragen. Ihren jungen Patinnen und Paten begegnen sie meist überaus herzlich und mit großer Offenheit.

Für viele Schüler*innen ist die Wertschätzung ihrer eigenen Person und ihrer sozialen Kompetenzen durch die Senior*innen eine völlig neue Erfahrung. Das Patenschafts-Projekt bietet ihnen viel mehr als nur Einblicke in die Pflege und Praxiserfahrung für ihren möglichen weiteren Berufsweg. Es stärkt gleichzeitig ihr Selbstbewusstsein und führt ihnen vor Augen, dass gute Noten in der Schule nicht das einzige sind, was für ihre berufliche Laufbahn eine Rolle spielt.

Seit dem Flüchtlingsjahr 2015 sind die Klassen multikultureller und vielfältiger geworden. Viele Schüler*innen der Berufsfachschule sind als unbegleitete Minderjährige aus Syrien oder Afghanistan nach Deutschland geflüchtet. Das Patenschafts-Projekt hilft ihnen, in ihrem neuen Leben in Deutschland Fuß zu fassen. Manchen Senior*innen werden sogar zu einer Art Ersatz-Großeltern für die Jugendlichen. Sie haben ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Probleme und überraschen sie auch schon einmal mit selbstgestrickten Socken oder anderen kleinen Geschenken. Manche Kontakte bleiben auch bestehen, nachdem die Schüler*innen die Berufsfachschule verlassen haben.

Die Gespräche mit den Senior*innen bieten den geflüchteten Jugendlichen auch eine gute Gelegenheit, ihre deutschen Sprachkenntnisse zu verbessern. Denn um anschließend in eine Ausbildung zu gehen zu können, besteht hier bei vielen noch Nachholbedarf. Da die Schüler*innen die Begegnungen in der Klasse gemeinsam planen und organisieren, wird die in der Schule häufig übliche Gruppenbildung von deutschen und geflüchteten Jugendlichen durchbrochen. Der rege Austausch zwischen den Generationen und Kulturen verbessert das gegenseitige Verständnis und fördert die Toleranz. Alle Teilnehmenden bauen Vorurteile ab und erweitern gleichzeitig ihren Horizont.

Auch gemeinsame Feste spielen dabei eine wichtige Rolle. Beim „Tag der Generationen und Kulturen“ stellten die Schüler*innen und Senior*innen 2018 ihr Patenschafts-Projekt in der Schule einem breitgefächerten Publikum vor. Einen bleibenden Eindruck hinterließ der Vortrag von zwei Schüler*innen, die ihre Flucht aus Syrien nach Deutschland schilderten. Beim arabisch-deutschen Buffet konnten sich die Gäste auch kulinarisch dem Nahen Osten annähern.

Auszeichnungen und weitere BNE-Aktivitäten

Für das „Treffen der Generationen und Kulturen“ wurde das Oswald-von-Nell-Breuning-Berufskolleg 2020 bereits zum vierten Mal als „Schule der Zukunft“ ausgezeichnet. Seit 2010 trägt die Schule zudem das Siegel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Beide Projekte wirken Vorurteilen und Diskriminierung entgegen und sind eng miteinander verzahnt.

Ein weiterer wichtiger Stützpfeiler der BNE-Arbeit des Berufskollegs ist der faire Handel. Seit 2016 ist das Berufskolleg eine Fairtrade School. In den Pausen verkaufen Schüler*innen im Schülerladen fair gehandelte Produkte wie Kakao und Schokolade. Darüber hinaus finden regelmäßig Projekte und Aktionen zum fairen Handel statt.

Das Projekt in Zeiten von Corona

Die Corona-Pandemie brachte einen tiefen Einschnitt in das „Treffen der Generationen und Kulturen“. Angesichts der hohen Infektionsgefahr mussten die Begegnungen zwischen den Senior*innen und Schüler*innen im März 2020 abrupt eingestellt werden. Doch die Jugendlichen versuchten, das Beste aus der Situation zu machen und „coronakonform“ Kontakt zu halten: Sie schickten ihren Patinnen und Paten Briefe sowie am Ende des Schuljahres eine gemeinsame Video-Grußbotschaft.

Auch das Schuljahr 2020/21 startete unter Pandemie-Bedingungen. Zwangsläufig mussten die Begegnungen zwischen den Jugendlichen und Senior*innen weiterhin pausieren. Doch die Schüler*innen versuchten dennoch, einen kreativen Beitrag für das Projekt zu entwickeln. Sie konzipierten ein Brettspiel, das gezielt die kognitiven Fähigkeiten der älteren Generation aktiviert und fördert. Während des Spiels müssen die Senior*innen Aufgaben zur Pantomime lösen und Wissensfragen beantworten, zum Beispiel zu bekannten Sprichwörtern oder Schlagern. Einige Fragen wurden mithilfe von einzelnen Senior*innen entwickelt und besitzen einen lokalen Bezug. Wie zum Beispiel, wohin man früher gut zum Tanzen gehen konnte oder welche Ausflugsziele in der Region beliebt waren.

Für die Zukunft nach der Pandemie hat das BNE-Team des Berufskollegs schon ganz konkrete Pläne. Künftig soll eine weitere Generation die Begegnungen von Jung und Alt bereichern: Kinder im Grundschulalter. In Zusammenarbeit mit einer benachbarten Grundschule soll ein Schulgarten angelegt werden, den die Kinder, Jugendlichen und Senior*innen in Zukunft gemeinsam bewirtschaften. Der Garten soll ein Ort zum gemeinsamen Gärtnern und zu einer neuen Begegnungsstätte der unterschiedlichen Generationen werden. Das angebaute Obst und Gemüse soll anschließend zu leckeren Gerichten weiterverarbeitet werden – in generationenübergreifender Gemeinschaftsarbeit, versteht sich.

 

Kontakt

Oswald-von-Nell-Breuning-Berufskolleg

Bahnhofstr. 33

48653 Coesfeld

Tel.: 02541 94230

E-Mail: nbbk@kreis-coesfeld.de

Website: www.das-oswald.de

Weitere Good-Practice-Beispiele für BNE an Schulen

Hier finden Sie Good-Practice-Beispiele einiger Schulen in NRW. Die Schulen besitzen ganz unterschiedliche Profile und Schwerpunkte. Doch eines ist allen gemein: BNE ist inzwischen zu einem festen Bestandteil ihres Schulalltags geworden.

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