„Der Garten der Sinne: ein Paradies für Natur und Mensch“

Lebendiger Schulgarten an der Topehlen-Schule Lemgo

Bienen summen in den Blühstreifen, Lavendel duftet in den Beeten und bunte Beeren laden zum Naschen ein. Kurzum: Der rund 2.000 Quadratmeter große, barrierefreie Schulgarten der Topehlen-Schule Lemgo bietet unzählige Möglichkeiten, die Natur mit allen Sinnen zu erleben. Mit viel Fantasie, Kreativität und Liebe zum Detail haben die Schüler*innen und Lehrkräfte ihren alten Schulgarten komplett umgestaltet. Innerhalb kurzer Zeit ist hier ein kleines Paradies für Natur und Mensch entstanden. Der Garten bietet vielen verschiedenen Tier- und Pflanzenarten ein Zuhause und ist für die Schüler*innen zu einem wichtigen Ort zum Lernen und Leben geworden.

Bunte Vielfalt – an der Schule und im Garten

Die Topehlen-Schule ist eine Förderschule mit dem Schwerpunkt „Geistige Entwicklung“. Rund 140 Schüler*innen zwischen 6 und 22 Jahren werden hier auf ein möglichst selbstständiges Leben vorbereitet. Vieles läuft hier anders als an Regelschulen. Weder gibt es einen für alle gültigen Lehrplan noch gemeinsame Lernziele. Vielmehr werden für jeden Lernenden individuelle Förderziele festgelegt. Das eröffnet den Lehrkräften jedoch große Freiräume für die Gestaltung des Unterrichts. Denn Übungen zur Förderung der Motorik, Konzentration oder anderer grundlegender Fertigkeiten lassen sich mit den Schüler*innen im Schulgarten genauso gut wie im Klassenraum durchführen.

Als die Konrektorin 2018 von der damaligen Kampagne „Schule der Zukunft“ erfuhr, war ihr Interesse sofort geweckt. In der BNE-Arbeit sah sie für ihre heterogenen, ganz „besonderen“ Schüler*innen viele Anknüpfungspunkte und Chancen. Rasch war ein passender Schwerpunkt gefunden: Im Fokus der BNE-Arbeit sollte der Natur- und Artenschutz vor der eigenen Haustür stehen.
Der alte Schulgarten sollte dafür komplett umgestaltet werden. Ziel war es, viele kleine, naturnahe Lebensräume für Insekten, Vögel und andere heimische Tiere zu schaffen. Der neu gestaltete Garten sollte den Schüler*innen viele Möglichkeiten bieten, die heimischen Tiere und Pflanzen zu erforschen und sie für einen achtsamen Umgang mit den Lebewesen zu sensibilisieren – selbst wenn diese winzig klein sind. Bei der Arbeit im Garten sollten die Schüler*innen lernen, Verantwortung zu übernehmen, einzelne Arbeitsprozesse möglichst selbstständig zu planen und in die Praxis umzusetzen.

Klassen-Patenschaften für die Themengärten

Gleich zu Beginn des Projekts wurde ein BNE-Team gegründet, das sofort konkrete Pläne für die Umsetzung entwarf. Ziel war es, bereits bestehende Strukturen des Gartens zu nutzen und daran anzuknüpfen. So sollte das vorhandene barrierefreie Wegesystem beibehalten werden. In den Flächen zwischen den Wegen sollten die Schüler*innen gemeinsam mit den Lehrkräften die verschiedenen Themengärten einrichten.

Nach und nach nahmen die kleinen Gärten immer mehr Gestalt an. Einige Sträucher wurden gerodet, um mehr Platz für die Vielfalt zu schaffen. Dabei wurde jede noch so kleine Ecke so gut wie möglich ausgenutzt.

Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen: Am Zaun ranken sich Trauben, Brombeeren, Hopfen und Kiwis in die Höhe, auf dem schmalen Grünstreifen daneben wächst Säulenobst. Blühstreifen bieten Wildbienen und vielen anderen Insekten ein abwechslungsreiches Nahrungsangebot, in zwei Bienenstöcken fliegen Honigbienen summend ein und aus. Im Schmetterlingsgarten flattern bunte Falter, eine Totholzecke bietet Mäusen, Fröschen, Käfern und vielen anderen kleinen Tieren Unterschlupf und Lebensraum. Der Riech- und Naschgarten, ein Färbergarten und ein Barfußpfad laden die Schüler*innen zur Naturerfahrung mit allen Sinnen ein.

Jede Klasse übernimmt für jeden dieser Themengärten jeweils ein Jahr lang eine Patenschaft. Liebevoll hegen und pflegen die Schüler*innen in dieser Zeit „ihr“ kleines Stück Garten. Sie fühlen sich für die dort lebenden Tiere und Pflanzen verantwortlich und entwickeln zu ihnen eine starke Bindung. Stolz beobachten die Schüler*innen, wie sich alle Lebewesen in „ihrem“ kleinen Garten im Jahreslauf entwickeln und verändern.

In dem Projekt ist für jede Altersstufe etwas Passendes dabei. Die jüngeren Kinder schichten mit Begeisterung einen Reisighaufen aus alten Äste auf und freuen sich über die vielen kleinen Tiere, die in ihr neues Zuhause einziehen. Oder sie beobachten im Schmetterlingsgarten, wie sich die gefräßigen Raupen in wunderschöne bunte Falter verwandeln. Auch Schüler*innen mit körperlichen Beeinträchtigungen können bei dem Projekt aktiv mitarbeiten, zum Beispiel indem sie die Pflanzen in den Hochbeeten gießen oder Samenbomben kneten. Immer wenn es etwas zu bauen gibt, ist hingegen das handwerkliche Geschick der älteren Schüler*innen gefragt. Sie haben für den Garten bereits Vogelnistkästen, eine Regenwurmkiste und Paletten-Sofas gezimmert.

Besonders hohe Kosten fielen für die Umgestaltung des Gartens nicht an. Ein großer Teil der Materialien konnte günstig beschafft, viele alte Dinge wiederverwendet und upgecycelt werden. Für die Anschaffung der neuen Pflanzen wurde ein Aufruf an die Eltern gestartet. Nach einem etwas zögerlichen Start kamen schließlich doch jede Menge Samen, kleine Stauden und Ableger aus den eigenen Gärten zusammen. Nach und nach pflanzten die Schüler*innen sie in die Themengärten ein.

Märchenhafte Gartentage

Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit spielen bei der BNE-Arbeit der Topehlen-Schule eine große Rolle. Im Rahmen der Initiative „Offene Gärten in Lippe“ öffnete die Schule im Juni 2019 ihre Gartenpforte und lud alle Interessierten dazu ein, einen Blick in ihr kleines Naturparadies zu werfen. Für dieses besondere Event hatten die Schüler*innen und Lehrkräfte einzelne Ecken des Gartens in kleine Märchenplätze verwandelt. Am Teich hielt der Froschkönig Einzug, Sternentaler rieselten von einem Baum und Schneeflocken vom Fenster der Frau Holle. Die Besucher*innen machten es sich an den einzelnen Stationen auf den Paletten-Sofas gemütlich und lauschten den Märchenerzählungen der Lehrer*innen.

Doch nicht nur im Sommer, auch in der kalten, dunklen Jahreszeit ist der Garten ein wunderschöner Ort für Begegnungen. Selbstgebastelte Bienen-Laternen, Feuertöpfe und unzählige Kerzen tauchten den Garten im Rahmen eines Weihnachtsmarktes in ein adventliches Licht. Viele Besucher*innen wanderten bei Mondschein und knackigen Temperaturen mit einem Becher Apfelpunsch durch den verwunschenen Garten oder ließen sich im Tipi nieder, um sich im Schein des Lagerfeuers mit den Märchenerzählern auf eine Fantasiereise in die Welt der Zwerge, Könige und Prinzessinnen zu begeben.  

Weitere Aktionen und Projekte rund um BNE

Auch außerhalb des Schulgartens spielt das Lernen in und mit der Natur eine große Rolle. Einige Lehrkräfte haben sich zu Naturerzieher*innen fortgebildet und unternehmen mit der Naturerlebnis-AG regelmäßig kleine abenteuerliche Touren in den Stadtwald. Dabei erleben die Schüler*innen die Natur mit allen Sinnen: Sie krabbeln wie Spinnen durch aufgespannte Netze aus Seilen, lauschen dem Klang von Waldorgeln und sammeln Eicheln, die sie in der Schulküche anschließend zu Keksen und leckerem Brotaufstrich verarbeiten.

Auf eine ökologisch wertvolle, gesunde Ernährung wird an der Topehlen-Schule großer Wert gelegt. Beim täglichen gemeinsamen Frühstück kommen in der Regel regionale Lebensmittel in Bio-Qualität ohne viel Verpackung auf den Tisch. So oft wie möglich werden diese durch Zutaten aus dem Schulgarten ergänzt. Aus den selbst-geernteten Garten-Kräutern stellen die Schüler*innen der oberen Klassen jede Woche den Brotaufstrich für die ganze Schule her. Eine Klasse nimmt – bisher als Vorreiterin für die ganze Schule – am Projekt „Leitungswasserfreundliche Schule“ teil.

Ein wichtiger Antrieb für viele BNE-Aktivitäten ist die Netzwerkarbeit. Die Topehlen-Schule ist im regionalen Netzwerk „Zukunft an lippischen Schulen nachhaltig gestalten“ aktiv. Dort findet ein reger Austausch an Ideen und Impulsen für die BNE-Arbeit statt. Aus dem Netzwerk kam beispielsweise der Tipp, ein Energie-Theater an die Schule zu holen. Mit modernen Medien und vielen Mitmach-Aktionen erweiterten die Schüler*innen in der Theater-Aufführung ihr Wissen über verschiedene Energiequellen und erfuhren, wie sie sich umweltfreundlich verhalten und Energie sparen können.

Pläne für die Zukunft

Für ihr BNE-Engagement wurde die Topehlen-Schule 2020 als „Schule der Zukunft“ ausgezeichnet. Auch für die nächste Auszeichnungsrunde im neu gestarteten Landesprogramm gibt es schon konkrete Pläne. Unter dem Motto „Einfälle statt Abfälle“ werden sich die Schüler*innen auf kreative und vielfältige Weise mit dem Thema „Müll“ auseinandersetzen. Für die jüngeren Kinder sind beispielsweise Müll-Sammelaktionen in der näheren Umgebung, Einkaufen ohne viel Verpackung und Do-it-yourself-Aktionen geplant.

Die älteren Schüler*innen werden den Blick hingegen auf das Plastikmüll-Problem in den Weltmeeren richten. Auch dabei sind viele kreative Aktionen geplant, wie zum Beispiel die Kreation neuer Kleidungsstücke aus Verpackungen und alten Textilien mit anschließender Modenschau. Außerdem werden die älteren Schüler*innen Müllprotokolle führen und ermitteln, wo sich Einsparpotenziale in Sachen Abfall und Energie an der Schule auftun.

Aber auch der Garten soll um einige neue Elemente ergänzt werden. Zum Beispiel ist der Bau eines Backofens für das Frühstücksbrot geplant, ebenso wie ein „Blumenbad“. In einer ausrangierten, in der Erde eingebuddelten Badewanne sollen die Kinder in den Blumen auf Augenhöhe „baden“ und sich – ebenso wie Schmetterlinge, Bienen und andere Insekten – am Duft und Anblick der bunten Blütenvielfalt erfreuen.

 

Kontakt

Topehlen-Schule

Alter Rintelner Weg 26

32657 Lemgo

Tel.: 05261/215301

E-Mail: marion.hoecker@eben-ezer.de

Website: https://topehlen-schule.eben-ezer.de/

Weitere Good-Practice-Beispiele für BNE an Schulen

Hier finden Sie Good-Practice-Beispiele einiger Schulen in NRW. Die Schulen besitzen ganz unterschiedliche Profile und Schwerpunkte. Doch eines ist allen gemein: BNE ist inzwischen zu einem festen Bestandteil ihres Schulalltags geworden.

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