„Wir fördern Respekt und Wertschätzung“

Globales Lernen auf dem zweiten Bildungsweg an der VHS Bochum

Sie kommen aus aller Welt: Syrien, der Türkei und Eritrea, aber auch aus Italien und den Niederlanden. Aus ihrer Heimat bringen sie viele unterschiedliche Weltanschauungen und religiöse Hintergründe, aber auch Lern- und Lebenserfahrungen mit. Kurzum: Die jungen Erwachsenen, die an der Volkshochschule Bochum ihren Schulabschluss nachholen, sind eine bunte, heterogene Gruppe. Doch gerade darin schlummert ein großes Potenzial für BNE-Aktivitäten. In Projekten zum Globalen Lernen nutzen die Lernenden ihre Vielfalt, um ihren Blick auf die Welt zu erweitern. Im Laufe der Zeit finden viele einen Weg, wie sie ihre eigene Zukunft (mit)gestalten können.

Die Projekte: am Puls der Zeit

In den Projekten werden die jungen Erwachsenen kreativ: Sie simulieren zum Beispiel den Anstieg des Meeresspiegels im Aquarium, upcyceln alte Kartons zu Sitzhockern oder decken auf, was Bananen mit Kinderarbeit zu tun haben.

Die Projekte zum Globalen Lernen sind schon seit vielen Jahren ein wichtiger Bestandteil des Fachbereichs SchulabschlussPLUS der VHS Bochum. Seit 2010 sind sie fest im Profil verankert. In den Lehrgängen können die Teilnehmenden verschiedene Abschlüsse wie den Hauptschulabschluss oder den Mittleren Schulabschluss auf dem zweiten Bildungsweg nachholen.

In den Projekten zum Globalen Lernen wird das möglich, was sich im normalen Unterricht oft nur schwer realisieren lässt: Sie greifen aktuelle gesellschaftliche und politische Geschehnisse auf, die einen direkten Bezug zur Lebenswelt der Lernenden besitzen.

Die Themen wechseln in jedem Halbjahr und fungieren als eine Art „Leitplanken“: Sie geben den Teilnehmenden eine grobe Richtung für ihre Projektarbeit vor. Auf welche Weise sie das Thema bearbeiten, mit welchen Inhalten sie es füllen und wie sie es abschließend präsentieren, entscheiden die Lernenden jedoch selbst. Eine Referentin zum Globalen Lernen und eine pädagogische Mitarbeiterin stehen ihnen dabei unterstützend zur Seite. Hinzu kommt das Knowhow der Fachlehrkräfte, denn die Projekte werden fächerübergreifend durchgeführt.
Finanziell gefördert werden die Projekte vom DVV International (dem Institut für Internationale Zusammenarbeit des Deutschen Volkshochschul-Verbandes), durch Engagement Global mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Globales Lernen als Chance

Ob Kinderarbeit, biologische Vielfalt oder der übermäßige Ressourcen-Verbrauch: Bei vielen neuen Projekt-Themen fällt es den jungen Erwachsenen erst einmal schwer, den Bezug zu ihrer unmittelbaren Lebenswirklichkeit zu entdecken. Oft haben sie sich selbst noch nie näher mit einem solchen Thema auseinandergesetzt. Obwohl zum Beispiel alle ein Handy besitzen, wissen sie nicht, dass die Rohstoffe dafür oft durch Kinderhände abgebaut werden. Oder dass für die Herstellung einer einzigen Jeans mehrere tausend Liter Wasser verbraucht werden.

Manche Teilnehmenden stehen den Projekten zunächst auch skeptisch, teils sogar ablehnend gegenüber. Sie bezweifeln, dass sie als Individuum in der komplexen Welt durch ihr Handeln irgendetwas bewirken, geschweige denn verändern können.

Bei der Projektenarbeit verändert sich diese Sichtweise. Denn die Teilnehmenden erhalten Freiräume, um sich selbst auszuprobieren und ihre eigenen Wünsche und Ideen mit einzubringen. Sie entscheiden selbst, wie sie ihre Themen zum Globalen Lernen umsetzen und wer dabei welche Rolle übernimmt. Das bietet die Chance, ihre eigenen Interessen und Stärken noch einmal neu zu entdecken und zu entfalten.

Entscheidet sich eine Arbeitsgruppe zum Beispiel dafür, die Ergebnisse ihres Projekts in Form eines Theaterstücks auf die Bühne zu bringen, kann jedes Gruppenmitglied selbst entscheiden, was es dazu beitragen kann und möchte: Der oder die Eine mag lieber auf der Bühne stehen, während der oder die Andere sich lieber um die Technik kümmert oder das Bühnenbild gestaltet. Dabei arbeiten alle gemeinsam Hand in Hand. Die vielen unterschiedlichen Kenntnisse und Fähigkeiten der Teilnehmenden bereichern die Projektarbeit enorm und treiben sie voran.

Durch die enge Zusammenarbeit in der Gruppe wachsen auch der gegenseitige Respekt und die Wertschätzung untereinander. Die Lernenden fühlen sich von den anderen mit ihren individuellen Eigenschaften als Person akzeptiert und (wert)geschätzt. Das steigert ihr Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl enorm. Oft wachsen sie bei der Projektarbeit regelrecht über sich selbst hinaus.

Projektbeispiel: „Europa und Afrika – Kontinente der Vielfalt“

Die Projekte schlagen immer wieder Brücken zwischen dem Leben der Teilnehmenden in Deutschland und dem der Menschen in aller Welt. So auch das Projekt „Europa und Afrika – Kontinente der Vielfalt“.

Zum Einstieg besuchten die Teilnehmenden das Afrika-Museum in Nimwegen. Vor Ort gewannen sie einen lebendigen Einblick in die Lebenswelt des fernen Kontinents. Sie besichtigten ein nachgebautes Dorf aus Mali, Häuser aus Ghana und Pfahlbauten aus Benin. Einige Teilnehmende entdeckten im Museum typische Gegenstände aus ihrer Heimat. Sie erklärten den anderen, wie diese Dinge im Alltag Verwendung finden. Darüber hinaus informierten sich die Lernenden über viele weitere kulturelle und gesellschaftliche Themen wie afrikanische Musik, Kleidung, Religion und die sprachliche Vielfalt. Gleichzeitig wurden sie zu einem Vergleich mit ihrer eigenen Lebenswelt angeregt.

In den nächsten Monaten arbeiteten Teilnehmenden ein differenziertes Bild von Afrika und Europa heraus. Bisherige Klischees und Vorurteile wurden ad acta gelegt. Sowohl Afrika als auch Europa erfuhr eine ambivalente Bewertung: So wurde Afrika nicht nur als Kontinent der Hungersnöte, Bürgerkriege und Katastrophen, sondern gleichzeitig auch als Kontinent der Träume, Sonne und Strände gesehen. Und auch Europa ist nicht nur durch wirtschaftliche Unabhängigkeit und scheinbar grenzenlose Möglichkeiten gekennzeichnet. Vielmehr gibt es auch dort viele Brennpunkte und sozialpolitische Herausforderungen.

Bei der Arbeit in dem Projekt erkannten die jungen Erwachsenen die Potenziale, die in multikulturellen Gesellschaften stecken. Vielfalt wurde nicht länger als Hindernis, sondern vielmehr als Chance begriffen. Auch die Selbstwahrnehmung der Teilnehmenden wandelte sich. Immer stärker nahmen sie die Perspektive von Weltbürger*innen ein, die auch alltägliche Dinge nicht nur aus einer, sondern aus mehreren, globaleren Blickwinkeln betrachten, und diese reflektieren.

Anknüpfend an das Europa-Afrika-Projekt wurde in der VHS ein „Globales Klassenzimmer“ eingerichtet. Musikinstrumente, Haushaltsgegenstände, Kleidung, Naturmaterialien und Spielzeug aus aller Welt geben dort einen lebendigen Einblick in die Alltagskultur verschiedener Kontinente. In dem kleinen Raum laden Gegenstände aus Afrika, Asien, Australien und dem vorderen Orient alle Besucher*innen zum Entdecken und Be-Greifen ein.

Projektvorführung bei der Zeugnisübergabe

Ob als Tanzvorführung, Schattentheater, Modenschau oder per Video-Clip: Bei der Abschluss-Präsentation stellen die Teilnehmenden jedes Halbjahr zur Zeugnisausgabe Ergebnisse aus ihren Projekten vor. Dabei sind ihrer Kreativität keine Grenzen gesetzt. Die Projekte stellen immer ein absolutes Highlight dar und stoßen auf ein reges öffentliches Interesse. Häufig sind Politiker*innen wie der Oberbürgermeister, Vertreter*innen der Bezirks- oder der Landesregierung und Mitarbeiter*innen aus den Jobcentern unter den Zuschauer*innen.
Nach der Verleihung der Zeugnisse kommen die Gäste gerne mit den Absolvent*innen ins Gespräch. Dabei werden auch Möglichkeiten für die berufliche Zukunft ausgelotet.

Die Arbeit an den Projekten zum Globalen Lernen wird auf den Zeugnissen nicht benotet. Allerdings werden die erworbenen Kompetenzen und das Engagement der Teilnehmenden positiv vermerkt. Das öffnet das ein oder andere Tor bei einer Bewerbung auf dem Arbeitsmarkt.

Weitere BNE-Aktivitäten

Auch in vielen anderen Bereichen der VHS spielt Nachhaltigkeit eine große Rolle. So sprudelt Mineralwasser aus dem Soda-Streamer und Bio- und Fair Trade-Produkte sind in die Einrichtung eingezogen. In einem kleinen Garten bauen die Lernenden selbst Obst und Gemüse an, das im Hauswirtschaftsunterricht zu leckeren Gerichten weiterverarbeitet wird. Regelmäßig prüfen die jungen Erwachsenen im „Strom-Spar-Check“, wo noch Energie eingespart werden kann – in der VHS, aber auch bei sich zu Hause.

Die BNE-Aktivitäten sind ziemlich erfolgreich. Im Jahr 2020 konnte sich der Fachbereich SchulabschlussPLUS zum wiederholten Mal über die Auszeichnung als „Schule der Zukunft“ freuen. Zu verdanken ist das vielen helfenden Händen, aber nicht zuletzt auch dem großen Engagement der Leiterin des Fachbereichs und ihren Kolleginnen. Denn insbesondere der bürokratische Aufwand für die Projekte bindet Zeit, Anträge müssen gestellt und die Finanzierung genehmigt werden.

Doch auch die Resonanz aller Beteiligten zeigt immer wieder, dass sich der Aufwand mehr als lohnt. Viele ehemalige Teilnehmende kehren auch noch lange Zeit nach ihrem Abschluss noch einmal zu einer kurzen Stippvisite an die VHS zurück. Das macht deutlich: Die VHS ist nicht nur ein Ort zum Lernen, sondern auch ein Ort zum Leben. Und ein solcher, der das Leben vieler Lernenden und ihre Zukunft wesentlich prägt.


 

 

Kontakt

Volkshochschule Bochum

Fachbereich 9: SchulabschlussPLUS

Baarestraße 33

44793 Bochum

Tel: 0234/910 2863

E-Mail: dietinger@bochum.de

Website: https://ssl.vhs-bochum-zbw.de:8443/vhs-bochum-zbw.de/

 

Weitere Good-Practice-Beispiele für BNE an Schulen

Hier finden Sie Good-Practice-Beispiele einiger Schulen in NRW. Die Schulen besitzen ganz unterschiedliche Profile und Schwerpunkte. Doch eines ist allen gemein: BNE ist inzwischen zu einem festen Bestandteil ihres Schulalltags geworden.

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